Kupferfarbene Seide mit feinen Farbfäden vor dem Mittelmeer

Das Gewebe ist stärker, als es aussieht

Vierzig Jahre Gedichte, eine Sprache, die erst erobert werden musste, und ein Buch, das nach dem Farbkreis gebaut ist: Mit «Seidendünne Worte» legt Nezihe Werz-Seyh Fevzi ihr deutschsprachiges Lebenswerk vor. Am Samstag kommt es in den Handel.

Es gibt Bücher, die man liest, und Bücher, durch die man hindurchgeht. «Seidendünne Worte» gehört zur zweiten Art. Zwölf Abteilungen, zwölf Farben, 219 Gedichte, jedes auf einer eigenen Doppelseite: Wer den Band aufschlägt, betritt eine Raumfolge. Die Titel stehen links allein im Weiss, die Verse rechts in schwebender, zentrierter Zeile. Das Umblättern wird zur Schwelle. Man könnte das für eine Laune der Buchgestaltung halten. Der Editionsbericht, den Wolfgang F. Kersten dem Band beigegeben hat, belehrt eines Besseren.

Die Verfasserin ist im September 1940 in Larnaka geboren, als Tochter eines ägyptischstämmigen Vaters und einer zypriotischen Mutter. Ihr erstes Gedicht erschien 1952 in der Zeitung «Hür Söz»: eine Grabelegie auf einen Lokalpolitiker der türkischen Minderheit, mit knapp zwölf Jahren geschrieben, schon damals mit jenem Motiv von Tod und Verewigung, das ihr Werk nicht mehr verlassen sollte. Es folgten die Schulzeit an der American Academy, England, eine Heirat und 1959 der Umzug nach Zürich, in ein Land, von dem sie, wie sie selbst schreibt, nicht einmal wusste, wo es liegt. Geschrieben hat sie weiter, zunächst auf Türkisch, dann auf Deutsch. Literaturförderung hatte sie dabei nicht, ein Netzwerk auch nicht. Briefe an das Literaturhaus Zürich, an die «Neue Zürcher Zeitung» und an die Brentano-Gesellschaft bezeugen, wie beharrlich sie den Weg in die Öffentlichkeit gesucht hat.

Von aussen nach innen und wieder hinaus

Aus einem Konvolut von rund 250 Texten, entstanden zwischen 1986 und 2026, hat Kersten im Gespräch mit der Autorin den Band gebaut. Chronologisch ist er nicht geordnet, alphabetisch auch nicht. Die Abteilungen folgen konzentrischen Kreisen. Am Anfang steht die Natur, in der Bäume reden, der Regen sich verliebt und die Winde sich erinnern. Von dort führt der Weg nach innen, zu Einsamkeit und Dichtung, durch die grossen Fragen nach Zeit, Vergänglichkeit und Glaube. Dann kehrt er zurück zu Kindheit und Liebe, stellt sich dem Leid des Krieges, sucht Heimat und Familie und endet bei der Freiheit. Das letzte Wort des Bandes lautet «flüchten». Kersten liest es nicht als Fluchtgeste: Die Gedichte seien Brücken zwischen der zypriotischen Kindheit und dem Schweizer Alter, zwischen dem Türkischen und dem Deutschen.

Der Herausgeber verortet diese Lyrik zwischen den Traditionen. Er nennt romantische Naturdichtung und orientalische Weisheitspoesie, die Exillyrik von Ovid über Heine bis Rose Ausländer und immer wieder Paul Klee, der Schrift und Bild ineinander übergehen liess. Das ist hoch gegriffen, doch es trägt, weil Kersten genau hinschaut. Er beobachtet, dass in der Abteilung über die Vergänglichkeit die Verse kürzer werden, bis die Sprache mit ihrem Gegenstand fällt. In der Abteilung über Glaube und Spiritualität nennt kein einziges Gedicht Gott beim Namen. Und ohne die Gedichte über Krieg und Leid wäre der Band, so Kersten, «ein Buch der Kontemplation; mit ihr wird es ein Buch des Zeugnisses».

Kupfer, Itten, ein Buchstabe S

Ungewöhnlich ist die Architektur. Jeder Abteilung ist eine Farbe aus Johannes Ittens zwölfteiligem Farbkreis zugeordnet. Das Grün der Natur steht am Anfang, über Blau und Violett wandert der Band zum Rot der Liebe und zum Gelborange der Heimat, das Dunkelgrün der Freiheit schliesst den Kreis. Einen Gedichtband nach dem Farbkreis zu bauen, ist nach Kerstens Einschätzung in der deutschsprachigen Lyrik ein Novum. Die Abteilungsseiten tragen Ausschnitte aus Anne Blums Serie «poussière de mots/maux». Darauf explodieren Buchstaben und sinken als Staub wieder zusammen, und es ist stets dasselbe Blatt mit dem Buchstaben S, der Linie, die Hogarth die Linie der Schönheit nannte.

Selbst der Einband argumentiert. Sein Kupferton ist keine Geschmacksfrage. Das lateinische «cuprum» geht auf «aes cyprium» zurück, Erz aus Zypern. Die Insel hat dem Metall den Namen gegeben, das Metall gibt dem Buch die Farbe zurück. Die Schrift steht in einem verhaltenen Meerblau.

Ein unbekanntes Frühwerk

Den grössten Erkenntnisgewinn bietet womöglich der Anhang. Kersten dokumentiert darin rund fünfzig türkischsprachige Gedichte aus den Jahren 1952 bis 1992: Zeitschriftentitel aus dem Zypern der fünfziger Jahre, Handschriften aus London, einen Trauerzyklus von zwölf Gedichten auf die früh verstorbene Tochter, erschienen 1991 als ganzseitige Anzeige in der Zeitung «Kıbrıs». Hier zeigt sich, dass die grossen Themen des deutschen Bandes früh angelegt sind. Tod und Einsamkeit, Heimat und Familie begleiten dieses Werk seit seinen Anfängen. Eine vollständige Dokumentation dieses Frühwerks steht noch aus. Der Editionsbericht benennt die Lücke selbst.

Sein Bild für den Band hat Kersten im Titel gefunden. Seide sei das dünnste Naturgewebe, aber auch eines der reissfestesten. Am Ende seines Berichts heisst es, das Gewebe sei «stärker, als es aussieht». Das gilt für diese Gedichte, und es gilt für das Leben, aus dem sie kommen.

Verkaufsstart am Samstag

«Seidendünne Worte» erscheint am Samstag, 24. Oktober 2026, und ist ab diesem Tag im Buchhandel erhältlich, in Küsnacht in der Buchhandlung Wolf. Am selben Tag stellen Verlag und Herausgeber das Buch mit einer Buchvernissage im Seehof Küsnacht vor, im Beisein der Autorin. Das Buch kostet CHF 49 und ist auch direkt im Digiboo-Shop erhältlich.

Seidendünne Worte, Buchcover
Nezihe Werz-Seyh Fevzi
Seidendünne Worte
Gedichtsammlung. Mit einem Editionsbericht von Wolfgang F. Kersten. Hardcover, 500 Seiten
CHF 49.00
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Nezihe Werz-Seyh Fevzi: Seidendünne Worte. Gedichtsammlung. Mit einem Editionsbericht von Wolfgang F. Kersten und Abbildungen von Anne Blum. Digiboo, Küsnacht 2026. Hardcover, 500 Seiten, CHF 49. ISBN 978-3-03906-096-2 (Hardcover), ISBN 978-3-03906-097-9 (digibook-PDF). Buchseite: doi.digiboo.ch/digiboo/2246

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