Seidendünne Worte
Seidendünne Worte
219 Gedichte in zwölf Themengruppen, geordnet nach den zwölf Farben des Farbkreises.
Nezihe Werz-Seyh Fevzi, auf Zypern geboren und väterlicherseits ägyptischer Herkunft, kam 1959 aus London nach Zürich und lebt seit Jahrzehnten in Küsnacht am Zürichsee. Sie veröffentlicht seit 1952, zunächst auf Türkisch. «Seidendünne Worte» ist ihre erste deutschsprachige Buchveröffentlichung — eine Lyrik der knappen Bilder, zwischen Zypern und dem Zürichsee, zwischen Herkunft und neuer Sprache.
Der Band versammelt 219 Gedichte, ausgewählt aus rund 250 gesichteten Texten. Die zwölf Gruppen folgen einer konzentrischen Bewegung: von der Natur nach innen — Einsamkeit, Dichtung, Zeit —, durch Vergänglichkeit, Spiritualität und Kindheit zurück in die Welt der Beziehungen — Liebe, Krieg, Heimat, Familie — und schliesslich in die Freiheit.
Jede Gruppe trägt eine Farbe des zwölfteiligen Farbkreises nach Johannes Itten, von Grün für die Natur bis Dunkelgrün für die Freiheit; damit schliesst sich der Kreis. Der Farbkreis als Gliederungsprinzip eines Gedichtbandes ist in der deutschsprachigen Lyrik, soweit ersichtlich, neu.
Zur Ausgabe:
· Frontispiz und zwölf Sektionsbilder von Anne Blum aus der Serie «poussière de mots/maux», 2024
· Editionsbericht von Wolfgang F. Kersten zu Textgrundlagen, Konzept und Farbdramaturgie
· Anhang zu den türkischsprachigen Publikationen der Autorin, 1952 bis 1992
· Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenheftung, 50 vierfarbige Seiten, gedruckt in der Schweiz
jede Phase
ein Fenster meisseln
meine Welt benennen
einrahmen
ob lindengrün
ob rosarot
ob schwarz — oder weiss
meinen Rucksack fallen lassen
ohne Reue
ohne Groll
nicht umdrehen
durch mein Fenster
weit nach vorne schauen
gelbe Fäden sticken in der Dämmerung
die Sonne mit ihren Citrinen wartet im Hintergrund
und sagt den Morgen an
ich sehe satte Felder mit Löwenzahn
mit Zitronen bedrucktem Gewand — tanzt die Insulanerin die Strasse entlang
wo Mimosenduft die Sinne betört
ich sehe Mandarinen die Gärten schmücken
ich sehe Wollmispeln reif zum Pflücken
und wenn es Abend wird und die Glut des schwächer
in Safran getauchten Stifts zeichnet den Horizont
danach den gelben Mond
diese Farbe … diese Farbe …
die Gelbe — der Gelbe — das Gelbe
und nun sehe ich die Lampe hinter dem gezogenen Vorhang
sie strahlt Wärme
aus meinem fernen Land
ausser ich — meine eigene
erlöse Dich endlich von Deinen Erwartungen
erlöse Dich nun von Deinen Träumen —
oder von Deiner Hoffnung
Im stationären Buchhandel über jede Buchhandlung bestellbar.
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