Zwischen Dante und der Dose
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Es gibt Themen, bei denen die Kunstgeschichte sich selbst im Weg steht. Sie will seriös bleiben und muss dafür über etwas sprechen, das jede Seriosität sofort unterläuft. Das Skatologische ist ein solches Thema. Wer es behandelt, riskiert entweder die Pose des Unerschrockenen oder die des Empörten — und beide Posen sind älter als die Werke, um die es geht.
Die prominenteste Empörung der letzten Jahrzehnte stammt von Jean Clair. In seiner Streitschrift «Das Letzte der Dinge oder Die Zeit des grossen Ekels. Ästhetik des Stercoralen» (Passagen Verlag, Wien 2004) rechnet der französische Kunsthistoriker und Kurator mit der zeitgenössischen Kunst ab. Der Titelbegriff leitet sich vom lateinischen stercus her, Kot, Mist. Clair beschreibt eine Fixierung des Kunstbetriebs auf das Fäkale, auf Körperflüssigkeiten, Abfall, Kadaver — und er beschreibt sie als Abstieg.
Clairs Diagnose
Clairs Argument verläuft in drei Bewegungen. Erstens eine Verfallslinie: Wo die überlieferte Kunst auf das Schöne, das Erhabene, das Sakrale zielte, hat sich die zeitgenössische auf das Niedrigste eingerichtet; an die Stelle des Göttlichen tritt das Abjekte. Zweitens eine psychologische Deutung: Was der Betrieb als avantgardistisch und befreiend feiert, sei in Wahrheit Regression — ein Verharren auf einer Entwicklungsstufe, die Clair mit der analen Phase Freuds parallelisiert. Der Schock ist nicht mehr Rebellion, sondern Manier. Drittens eine ökonomische Pointe: Der Tabubruch ist längst institutionalisiert und vom Markt aufgesogen. Je vulgärer das Werk, desto höher die Aufmerksamkeit — und Museumsleitungen, Galerien und Kritik applaudieren, um nicht als altmodisch zu gelten.
Seine Kronzeugen sind bekannt: Piero Manzonis Dosen «Merda d'artista» von 1961, mit denen das Fäkale unmittelbar zum Spekulationsobjekt aufsteigt; Wim Delvoyes Maschine «Cloaca», die den Verdauungstrakt mechanisch nachbaut und am Ende tatsächlich ausscheidet; der Wiener Aktionismus und Andres Serrano mit ihrem exzessiven Einsatz von Blut, Urin und Exkrementen als Material. Am Ende steht bei Clair kein Geschmacksurteil, sondern eine Kulturdiagnose: Wo eine Zivilisation die Verbindung zum Sakralen und Humanen verliert, bleibt ihr das «Letzte der Dinge» — das Exkrement als Signatur eines vollendeten Nihilismus.
Das ist ein Pamphlet im besten Sinn: scharf, gebildet, unversöhnlich. Es hat allerdings eine Voraussetzung. Es setzt einen Zustand voraus, in dem die Kunst von alldem frei war.
Der Einwand kommt aus dem achten Höllenkreis
Genau hier setzt Hansdieter Erbsmehls Text an — nicht mit einer Gegenpolemik, sondern mit einem Ortswechsel. Der Autor situiert seine eigene Gratwanderung zwischen dem konzisen Abriss eines Sachverhalts und der blossen «Klugscheisserei» aus zweiter Hand über einem sehr alten Abgrund: dem Achten Höllenkreis der Göttlichen Komödie, in dem Dante die geistlichen und weltlichen Schmeichler im menschlichen Kot versinken lässt.
Das ist mehr als ein hübsches Bild. Es ist eine chronologische Feststellung. Das Skatologische ist keine Erfindung der Nachkriegsavantgarde. Es durchzieht die europäische Bildkultur seit dem Mittelalter: in Dantes Malebolge, in den Höllenlandschaften des Hieronymus Bosch, in den Sprichwortbildern Pieter Bruegels, in der drastischen Bildpolemik der Reformationsflugblätter, in der Karikatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Was sich verändert hat, ist nicht das Motiv, sondern sein institutioneller Ort. Der Kot wandert vom Rand der Höllendarstellung ins Zentrum des White Cube. Manzoni betritt 1961 kein Neuland — er betritt ein sehr altes Feld unter neuen Marktbedingungen.
Wer das ernst nimmt, muss Clairs Verfallsgeschichte nicht verwerfen. Aber man liest sie anders. Die Frage lautet dann nicht mehr, wann die Kunst gefallen ist, sondern warum eine Kultur zu bestimmten Zeiten bestimmte Grenzen zieht — und wer davon profitiert, wenn sie überschritten werden.
Geschrieben stinkt es nicht
Es gibt in Erbsmehls Text eine zweite, subtilere Verschiebung. Sie hängt an einem Satz von Roland Barthes, den der Autor zitiert: «geschrieben stinkt Scheisse nicht». Barthes formulierte ihn im Blick auf die skatologischen Passagen des Marquis de Sade und lenkte damit die Aufmerksamkeit von der materiellen Wirklichkeit auf das beschriebene Objekt. Die Beschreibung entschärft den Stoff; sie verwandelt Substanz in Zeichen.
Damit ist auch die Falle benannt, in die jede Abhandlung über dieses Thema tappen kann — und Erbsmehl benennt sie mit erkennbarem Vergnügen an den «Cacalibri» unter den «klugscheissenden KakademikerInnen», sich selbst ausdrücklich eingeschlossen. Hier trennen sich die beiden Bücher im Ton. Clair sucht das Urteil. Erbsmehl sucht zunächst den Gegenstand — und traut der Ironie mehr zu als der Entrüstung.
Der Unterschied ist keine Nuance. Wer sich über den Skandal empört, verlängert ihn; das ist die alte Ökonomie der Provokation, die Clair selbst so präzise beschreibt. Wer das Motiv historisiert, entzieht ihm die Sensation und gibt ihm etwas Wertvolleres zurück: eine Geschichte.
Das Buch
Hansdieter Erbsmehl, «Skatologisches in den (nicht immer) Schönen Künsten», erschienen am 14. Juli 2025 als Band 3 der Reihe Kunst- und Zeitgeschichte, herausgegeben von Wolfgang F. Kersten. 150 Seiten, 40 Abbildungen. E-Book (PDF), ISBN 978-3-03906-069-6; Print-Ausgabe ISBN 978-3-03906-068-9. sFr 12.90 / € 12.90.
Erbsmehl studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Marburg/Lahn und Los Angeles und promovierte 1993 mit einer Arbeit über Kulturkritik und Gegenästhetik zur Bedeutung Friedrich Nietzsches für die bildende Kunst in Deutschland zwischen 1892 und 1918. Er war als Ausstellungskurator und Autor für den Berliner Kunsthandel tätig, hatte Lehraufträge an den Universitäten Zürich und Leipzig inne und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zur Nietzsche-Rezeption in der bildenden Kunst, zum Nietzsche-Archiv in Weimar sowie zur Kunst des frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere zur Künstlergruppe «Brücke», zu Ernst Ludwig Kirchner und Max Beckmann.
Hansdieter Erbsmehl, Band 3 der Reihe Kunst- und Zeitgeschichte, herausgegeben von Wolfgang F. Kersten. 150 Seiten, 40 Abbildungen.