Thomas Mann in Küsnacht — ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt / TMA_0316

Küsnacht ist kein Idyll, sondern ein Spiegel

Thomas Mann in Küsnacht — ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt / TMA_0316
Feuilleton  /  Literatur
Siebzehn Stimmen, ein Ort — und ein Buch, das beides ernst nimmt.

Der Zürichsee liegt da, blau und ruhig, und scheint sich für nichts zu interessieren. Er hat kein Gedächtnis. Er spiegelt, was über ihm ist — und das war in den 1930er Jahren: Himmel, Hügel, die Silhouette eines Mannes, der am Ufer entlanggeht und über den Untergang Europas nachdenkt.

Dieser Mann war Thomas Mann. Das Ufer war in Küsnacht.

Dass ausgerechnet dieser Ort — diese bürgerliche Seegemeinde mit ihren gepflegten Gärten — zum Refugium für einige der bedeutendsten Köpfe der deutschsprachigen Welt wurde, gehört zu den stillen Paradoxen der Literaturgeschichte. Mann schrieb hier an den Joseph-Romanen. C. G. Jung entwickelte wenige Strassen weiter sein Lebenswerk. Judith Kerr fand hier, als Kind auf der Flucht aus Berlin, einen Atem Pause, bevor die Familie weiterzog nach London — und sie Jahrzehnte später Als Hitler das rosa Kaninchen stahl schreiben würde, das berühmteste Kinderbuch über Vertreibung in deutscher Sprache.

Keiner von ihnen hat Küsnacht gewählt.
Alle haben es gebraucht.

Was daraus wurde, lässt sich jetzt nachlesen: in Literarisches Küsnacht, einer Anthologie, die die Kulturkommission Küsnacht herausgegeben hat und die den naheliegenden Fehler vermeidet, einen Wallfahrtsort zu errichten. Stattdessen versammelt der Band siebzehn Autorinnen und Autoren — von Albin Zollinger bis Melinda Nadj Abonji — in vier Gattungen: Lyrik, Prosa, Theatertexte, wissenschaftliche Essays. Das ist ungewöhnlich. Die meisten Bücher dieser Art entscheiden sich für eine Sprache. Dieses vertraut darauf, dass ein Ort komplex genug ist, um mehr als eine zu brauchen.

Was das Buch aber erst zu einem Objekt macht, das man in die Hand nehmen will, ist seine Gestaltung. Tyler Brûlé — Gründer von Monocle, bekannt für seinen Blick auf das, was Orte unverwechselbar macht — und sein Studio Winkreative haben dem Band seine Form gegeben: Hardcover, Farbschnitt, bibliophile Ausstattung. Fünfzehn Originalporträts des Pariser Künstlers Clément Soulmagnon, dessen Arbeiten sonst für Hermès und Apple entstehen, geben den literarischen Figuren des Ortes ein Gesicht. Mann, Jung, Kerr — in Soulmagnons Zeichnungen werden sie wieder zu Menschen, nicht zu Gedenktafeln.

Das ist der eigentliche Verdienst dieses Bandes: Er behandelt Küsnacht nicht als Kulisse, sondern als Frage. Was passiert an einem Ort, wenn Geschichte und Gegenwart, Exil und Ankommen, berühmte Tote und lebendige Stimmen aufeinandertreffen? Die Antwort ist nicht eine, sondern siebzehn. Und der See spiegelt sie alle, ohne eine davon zu bevorzugen.

Literarisches Küsnacht
Hrsg. Kulturkommission Küsnacht
Gestaltung: Tyler Brûlé / Winkreative
Illustrationen: Clément Soulmagnon (15 Originalporträts)
122 Seiten  ·  Hardcover mit Farbschnitt
ISBN 978-3-03906-053-5
35 CHF / 35 EUR
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