Jan Tschichold und die Metamoderne – warum Ordnung die Freiheit erst möglich macht
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Warum ein Verlag, der seine Bücher noch von Grund auf gestaltet, ausgerechnet heute bei Jan Tschichold in die Lehre geht – und was seine Ordnung mit der Freiheit der jungen Gestaltung zu tun hat.
Es gibt einen Moment in der Geschichte der Buchgestaltung, der heute wieder überraschend nah erscheint. 1946 trug Max Bill öffentlich den Vorwurf des Reaktionären gegen Jan Tschichold vor. Der Mann, der mit seinem Buch «Die neue Typographie» von 1928 der Avantgarde die Richtung gewiesen hatte – asymmetrischer Satz, serifenlose Schrift, radikale Sachlichkeit, Bruch mit aller Tradition –, hatte sich da längst abgewandt: Schon nach seiner Emigration 1933 in die Schweiz kehrte er Schritt für Schritt zur klassischen Typografie zurück. Der Streit mit Bill war nicht der Beginn dieser Wende, sondern ihr öffentlicher Höhepunkt. Vom Revolutionär zum Klassiker: Für seine einstigen Mitstreiter ein Verrat. Aus heutiger Sicht war es etwas anderes. Man könnte es, als Bild, eine Einsicht in die Entropie der Gestaltung nennen: Der permanente Bruch, das dauerhafte «anything goes», treibt zur Beliebigkeit – zu einem Rauschen, in dem nichts mehr heraussticht, weil alles erlaubt ist. Ordnung ist die Energie, die man aufwenden muss, um dagegen eine lesbare Form zu halten. Tschichold hatte früher als andere begriffen, dass sein Kanon kein Korsett war, sondern genau diese Energie.
Für uns als Verlag, der Bücher noch von Grund auf gestaltet, ist Tschichold kein Denkmal, sondern ein Gegenüber, mit dem man im Satzalltag ständig verhandelt. Und es lohnt sich, ihn gerade jetzt zu befragen – nicht als nostalgische Würdigung, sondern als Positionsbestimmung.
Der Einwand der Jungen
Man kennt die Gegenstimme. Tschicholds Kanon, so hört man, sei old school: feste Regeln, Proportion, Dienen am Text, das Ideal der «unsichtbaren» Typografie, die sich nie vor den Inhalt drängt. Dagegen die Haltung, die mit David Carson, mit «Ray Gun», mit der Cranbrook-Schule und Emigre in die Welt kam: Lesbarkeit ist nicht heilig, Störung ist erlaubt, der Gestalter darf Autor sein. Anything goes. Tschicholds Ordnung erscheint in diesem Licht als Dogma, als bürgerliches Korsett – im Grunde derselbe Vorwurf, den schon Max Bill erhob, nur eine Generation weiter.
Dieser Einwand verdient Ernst. Aber er ruht auf einer Kategorie, die selbst brüchig geworden ist.
Ein Begriff, der historisch wurde
Man muss mit der «Postmoderne» heute vorsichtig umgehen. In der Forschung gilt sie weithin als abgeschlossen, oder doch als abgenutzt – ein Begriff, der nie eine saubere Epoche bezeichnete, sondern eher eine Geisteshaltung. Was auf sie folgt, nennen Theoretiker wie Vermeulen und van den Akker das Metamoderne: ein Pendeln zwischen moderner Aufrichtigkeit und postmoderner Ironie, zwischen Hoffnung und Melancholie, zwischen Naivität und Wissen.
Dieses Pendeln ist keine theoretische Spitzfindigkeit, man sieht es im Gegenständlichen. Eine Generation, die mit der Ironie der Postmoderne aufgewachsen ist, baut wieder Dinge, die ernst gemeint sind, ohne die Ironie zu verlernen: Vinyl mit aufwendigem Beiheft, fadengeheftete Hefte, Risografie, das sorgfältig gemachte Zine. Nicht Rückkehr zur alten Moderne, aber auch nicht ihr ironisches Verglühen – ein Oszillieren, das beides kennt und keines verwirft.
Und genau hier trifft man unerwartet wieder auf Tschichold. Natürlich ist es ein Anachronismus, einen Mann der 1940er Jahre mit einem Begriff von 2010 zu lesen – Tschichold hätte das Wort nie gehört, und wir sollten nicht so tun, als wüssten wir das nicht. Aber gerade im Rückblick leuchtet die Verwandtschaft ein: Seine Rückkehr zur Ordnung war keine reaktionäre Geste. Sie war das, wohin die Gestaltung findet, wenn sie den Rausch des Bruchs durchlebt hat und merkt, dass die Freiheit ein Fundament braucht, um überhaupt Freiheit zu sein.
Ordnung macht die Freiheit erst möglich
Anything goes – ja, aber nur dem, der das Handwerk beherrscht.
Das ist die eigentliche Pointe, und sie ist nicht defensiv gemeint. Carson durfte die Regeln brechen, weil er sie beherrschte. Man sieht den Unterschied sofort, wenn man seine Arbeiten neben ihre tausendfachen Nachahmungen legt: Bei Carson sitzt die zerschossene Seite auf einem sicheren Gespür für Gewicht, Weissraum und Rhythmus – es ist ein Bruch mit etwas. Bei den Epigonen, die nur das Chaos kopierten, bricht nichts mehr; es wird bloss Beliebigkeit, ein Lärm ohne Gegenüber. Die Freiheit der Jungen setzt genau den Kanon voraus, den sie bekämpft.
Das Metamoderne schliesst die Ironie nicht aus – und das soll es auch nicht. Spiel, Witz, der überraschende Griff gehören dazu. Aber sie stehen auf der Basis des klaren, funktionalen, zum Lesen gebauten Satzes. Tschichold gibt dieser Basis ihren Namen: die klare Seitenproportion – er bevorzugte das einfache, rationale Verhältnis 2:3 –, der harmonisch eingestellte Textblock, der ruhige Satzspiegel. Man sollte dabei nicht, wie es oft geschieht, 2:3 und den goldenen Schnitt in eins setzen: Das eine ist eine glatte, rationale Proportion, das andere ein irrationales Verhältnis; Tschichold kannte den Unterschied genau. Und er mystifizierte die Zahl nie. Proportion war ihm Werkzeug der Harmonie, nicht Zahlenmagie; am liebsten sprach er konkret vom «goldenen Kanon der Buchseite» und von den mittelalterlichen Satzspiegeln, die er in «Die Form des Buches» neu zugänglich machte. Kein Schlagwort, sondern Handwerk.
Wie weit diese Ordnung trägt, zeigt seine berühmteste praktische Leistung: Von 1947 bis 1949 baute Tschichold bei Penguin in London die gesamte Taschenbuchreihe um und goss seine Grundsätze in die «Penguin Composition Rules» – einen Standard, der sich über hunderte Bände hinweg reproduzieren liess, ohne je mechanisch zu wirken. Ordnung war bei ihm nicht die Laune eines einzelnen Buches, sondern ein System, das Qualität skalierbar machte. Für einen Verlag ist das die eigentliche Lehre.
So gelesen ist Tschicholds Ordnung nicht das Gegenteil der jungen Freiheit, sondern ihre Voraussetzung. Anything goes – ja, aber nur dem, der das Handwerk beherrscht.
Das tiefe Lesen als Gegenwartsargument
Es gibt einen letzten Grund, warum dieser Streit heute kein akademischer ist. Dass die Fähigkeit zum langen, konzentrierten Lesen unter Druck steht, ist eine Zeitdiagnose, keine abgeschlossene Studienlage – aber eine, die vieles für sich hat und die jeder kennt, der sich selbst beim Scrollen ertappt. Der Bildschirm ist auf den schnellen Blick gebaut, auf das Zappen und Wischen, nicht auf die dreihundert Seiten am Stück.
Genau dagegen steht Tschicholds Satz. Seine Proportion und Ruhe dienen nicht der Schönheit allein; sie sind Infrastruktur für das lange Lesen. Ein sorgfältig gesetzter Satzspiegel ermüdet das Auge nicht, er trägt es über die Strecke. Was wie eine ästhetische Frage aussieht, ist in Wahrheit eine Frage der Lesbarkeit über die Dauer.
Und damit wird das klassisch gesetzte Buch zu etwas, das es vor dreissig Jahren noch nicht sein musste: zu einem Erkennungszeichen. Wer ein ruhig, sauber, proportioniert gestaltetes Buch in die Hand nimmt, dem wird signalisiert – hier wird gelesen, nicht gewischt. Nicht als elitäre Pose, sondern als Haltung zum Lesen selbst. Das sorgfältig gestaltete Buch grenzt sich ab vom zappenden Schirm; es spricht die an, die sich ernsthaft mit Wissen befassen und die Fähigkeit zum tiefen Lesen bewahren wollen.
Was das für uns heisst
Jedes sorgfältig gesetzte Buch ist ein kleines Stück Energie gegen die Entropie.
Für Digiboo ist das kein nostalgischer Luxus, sondern eine verlegerische Entscheidung. Wir setzen unsere Bücher nach diesen Proportionen, weil sie das tiefe Lesen tragen – und weil sie, metamodern gelesen, der Freiheit erst den Boden geben, auf dem sie etwas wagen kann. Tschichold hat uns nicht ein Regelwerk hinterlassen, das man befolgt oder bricht. Er hat uns gezeigt, dass Ordnung und Freiheit keine Gegner sind, sondern aufeinander angewiesen. Die Ironie darf bleiben – aber sie braucht die Struktur, gegen die sie anspielt, sonst verpufft sie im Rauschen. Jedes sorgfältig gesetzte Buch ist in diesem Sinn ein kleines Stück Energie gegen die Entropie.