Der blinde Fleck war Struktur — Über sechzig Beiträge zur Fotografie und Kunst von Frauen
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Die Geschichte der modernen Kunst, wie sie in den Überblickswerken steht, ist eine bemerkenswert schmale Angelegenheit. Ein paar Dutzend Männer, vorwiegend europäisch, vorwiegend in Paris oder New York verortet, haben sie angeblich unter sich ausgemacht: Cézanne legte das Fundament, Picasso sprengte die Form, Pollock befreite die Geste. Es ist ein Narrativ, das seit über einem Jahrhundert disziplinär gepflegt wird — und das seinen Bestand einer systematischen Auslassung verdankt.
Denn die Frauen waren nicht abwesend. Sie lehrten an Akademien, kuratierten Ausstellungen, publizierten Zeitschriften, malten, fotografierten, performten — und wurden von der Geschichtsschreibung mit einer Ausdauer übergangen, die man, wollte man höflich sein, als institutionelle Trägheit bezeichnen könnte. Wer weniger höflich sein will, spricht von Struktur.
Gegen diese Struktur richtet sich der soeben bei Digiboo Verlag erschienene Band «Künstlerinnen zu Gast bei Bettina Gockel». Herausgegeben von Nadine Jirka, Sophie Junge, Wolfgang F. Kersten und Miriam Volmert, versammelt er auf 740 Seiten über sechzig Beiträge aus drei Kontinenten, in drei Sprachen, mit über 250 Abbildungen. Die Dimension ist Programm: Wer so breit aufstellt, macht kenntlich, dass der blinde Fleck nicht punktuell war.
Anderthalb Jahrhunderte bis zur ersten Ordinaria
Der Anlass ist ein doppelter: zwanzig Jahre Lehr- und Forschungsstelle für Theorie und Geschichte der Fotografie an der Universität Zürich und der sechzigste Geburtstag ihrer Gründungsleiterin Bettina Gockel. Seit 2008 hält Gockel den Lehrstuhl für Geschichte der bildenden Kunst am Kunsthistorischen Institut — als erste Ordinaria seit dessen Gründung im Jahr 1870. Man muss die Zahl nicht kommentieren. Sie kommentiert sich selbst.
Die Herausgeber haben für die versammelten Texte die Metapher des Briefes gewählt, und das ist genauer gemeint, als es zunächst klingt. Gockel hat über zwei Jahrzehnte eine Praxis kultiviert, die im akademischen Betrieb ungewöhnlich ist: Sie lud Künstlerinnen nicht als Forschungsgegenstände ein, sondern als Gesprächspartnerinnen, buchstäblich, zu sich ein. Die Grenze zwischen Forschungssubjekt und Forschungsobjekt wurde dabei nicht verwischt, sondern bewusst aufgelöst. Was aus diesen Begegnungen hervorgegangen ist, liest sich entsprechend: persönlich grundiert, aber analytisch scharf — eine Verbindung, die im universitären Schreiben selten gelingt.
Hamburger Schule, Zürcher Praxis
Gockels methodische Herkunft ist unverkennbar. Sie steht in der Tradition der Hamburger Schule: Materialikonografie und politische Ikonologie, Close Reading des einzelnen Werks, eingebettet in kulturwissenschaftliche und kunstsoziologische Zusammenhänge. Dass diese Verbindung von Genauigkeit und Weite auch den Band prägt, überrascht nicht. Die Beiträge spannen den Bogen von kolonialer Fotografie in Südostasien über transatlantische Beziehungen in der Frühgeschichte des Mediums bis hin zu posthumanen Körperkonzepten in der Gegenwartskunst — ein Panorama, das geografische und thematische Grenzen gleichermassen produktiv unterläuft.
Weder Klage noch Kompensation
Publikationen, die vergessene Künstlerinnen sichtbar machen wollen, geraten verlässlich in eine von zwei Fallen. Entweder verfallen sie in die Klage über jahrhundertelange Unterdrückung, oder sie kippen in einen kompensatorischen Überschwang, der jedes wiederentdeckte Werk umstandslos zur Meisterleistung erklärt. Dieser Band tut weder das eine noch das andere. Er liefert, was man von ernsthafter Forschung erwarten darf und so selten bekommt: differenzierte Einzelfallstudien, eingebettet in die grösseren Zusammenhänge von Markt, Institution und Diskurs, ohne dass die Einzelfälle in den Zusammenhängen verschwänden.
Der Titel des Buches, so schreiben die Herausgeberinnen, bezeichne mehr als ein Themenfeld: Er reflektiere eine Grundhaltung. Künstlerinnen stehen hier nicht bloss im Zentrum kunsthistorischer Betrachtung — sie treten als Akteurinnen hervor, in einer Weise, wie sie bei Bettina Gockel leibhaftig zu Gast sein könnten. Das ist, bei aller akademischen Zurückhaltung, eine Haltung mit Konsequenzen.
Eine Frage der Genauigkeit
In den gegenwärtigen Debatten um Diversität im Kulturbetrieb, um Sammlungspolitik und Kanonrevision wird häufig das Argument der Gerechtigkeit bemüht. Dieser Band verschiebt die Perspektive. Er zeigt, dass die Frage nach den Künstlerinnen der Moderne vor allem eine Frage der historischen Genauigkeit ist. Die Kunstgeschichte, die ohne sie erzählt wird, ist nicht nur unvollständig — sie ist falsch. Wer die Frauen ausblendet, versteht die Moderne nicht. Er hat sie nie verstanden.
Über sechzig Beiträge aus drei Kontinenten zur Kunstgeschichte der Moderne — trilingual, mit über 250 Abbildungen. Ein Korrektiv in Buchform.
Dieser Beitrag erscheint anlässlich der Publikation von «Künstlerinnen zu Gast bei Bettina Gockel» im Digiboo Verlag, 2026.