Buchvernissage zu Ernst Ludwig Kirchner und Küsnacht in der Buchhandlung Wolf
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Am Sonntag, dem 22. März 2026, wird in der Buchhandlung Wolf in Küsnacht ein Werk präsentiert, das diese systemische Blindheit adressiert. Mit der Publikation «Elsa, Erna & Ernst – Leerstellen» unternimmt der verstorbene Kunsthistoriker Roland Scotti weit mehr als eine biografische Ergänzung. Er legt die Mechanismen offen, die dazu führten, dass eine Frau wie Elsa Bosshart-Forrer – eine politisch und sozial hoch engagierte Bürgerin – in der Rezeption des Expressionismus fast vollständig getilgt wurde.
Souveränität statt Assistenz: Die Korrektur eines Narrativs
Lange Zeit wurde Elsa Bosshart-Forrer lediglich im Kontext ihrer Funktion für Ernst Ludwig Kirchner wahrgenommen. Scottis Analyse bricht mit dieser patriarchal geprägten Sichtweise. Er porträtiert die Tochter eines ehemaligen Bundespräsidenten als eigenständige, intellektuelle Kraft. In der Trias zwischen Kirchner, seiner Lebensgefährtin Erna Schilling und Bosshart-Forrer war Letztere keine passive Beobachterin, sondern ein autonomes Gegenüber, dessen Wirken weit über die Grenzen der Davoser Künstlerkreise hinausstrahlte.
«Das Buch hinterfragt radikal die Deutungshoheit einer Kunstgeschichtsschreibung, die Komplexität zugunsten eines heroischen Männerbildes reduziert.»
Programmatischer Ablauf der Vernissage
Die Buchvorstellung dient als Plattform für eine kritische Auseinandersetzung mit der lokalen und überregionalen Zeitgeschichte:
· Einführung: Prof. Dr. Wolfgang Kersten (Herausgeber) analysiert die methodische Notwendigkeit, Leerstellen in der Forschung aktiv zu besetzen.
· Perspektiven: Ein Gastbeitrag von Jakob «Köbi» Weiss beleuchtet die soziokulturelle Einbettung der Akteure.
· Austausch: Der anschliessende Apéro bietet Raum für den fachlichen Diskurs jenseits etablierter Hierarchien.
Wissenschaftlicher Diskurs: Mehr als eine Biografie
Die vorliegende Studie bietet weit mehr als lokales Kolorit. Sie greift tief in aktuelle methodische Debatten der Kunstgeschichtsschreibung ein. Mit einem Epilog von Prof. Dr. Bettina Gockel öffnet der Band den Blick für ein neues, kollektives Künstlerverständnis, das die textilen Arbeiten der Frauen aus Kirchners Umfeld als eigenständige Kunstwerke rehabilitiert und sich vom patriarchalen «Geniekult» abwendet.
Zugleich arbeitet sich Roland Scotti an den Grenzen der postmodernen Theoriebildung ab. Das Buch legt ein methodisches Paradoxon offen: den Versuch, eine marginalisierte Frau sichtbar zu machen, obwohl die Rekonstruktion ihrer Person fast ausschliesslich auf die Projektionen und den «männlichen Blick» in Kirchners Briefen angewiesen bleibt.
INFORMATIONEN zur Teilnahme
Die Veranstaltung betont die enge Verbindung Elsa Bosshart-Forrers zu ihrem Heimatort Küsnacht und lädt dazu ein, die lokale Geschichte neu zu bewerten. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung wird aufgrund des Interesses empfohlen.
Diese Publikation ist ein notwendiger Akt der historischen Gerechtigkeit. Sie beweist, dass eine ehrliche Analyse der Moderne nicht beim Werk des Künstlers enden darf, sondern die gesellschaftliche Realität und die Souveränität jener Frauen anerkennen muss, die bisher im Schatten der grossen Namen stehen gelassen wurden.